Longlist-Autor im Interview: Tonio Schachinger

Was liebt man denn, wenn man den Fußball liebt?

In Ihrem Debütroman „Nicht wie ihr“ geht es um das Leben eines Profifußballers. Was ist Ihre persönliche Beziehung zum Fußball?  

 

Ich habe als Kind und Jugendlicher eigentlich eine recht klassische Fußballsozialisation durchlaufen, war mit meinem Opa im Stadion und habe in der Schulzeit fast jeden Tag gespielt, ohne je als besonders talentiert aufzufallen. Nachdem mich Fußball eine Zeit lang weniger interessiert hat, ist es mit dem Auftauchen von Spielern wie David Alaba und Marko Arnautović dann zu einer Art Renaissance gekommen. Inzwischen verfolge ich hauptsächlich die Spiele des österreichischen Nationalteams. Sobald man über etwas schreibt, verändert sich sowieso noch einmal der Blickwinkel darauf. Man kann dann seinem Hobby nachgehen, also etwas machen, was man ohnehin machen würde und es als Recherche rechtfertigen, gleichzeitig ist man irgendwann auch wieder fertig damit. Ich würde nicht noch ein Buch über Fußball schreiben.

 

Ihr Buch ist nicht nur für Fußballfans lesenswert, sondern auch für komplette Neulinge, die einen Einblick in die Welt eines Profispielers gewinnen wollen. Was war der Anlass für dieses Buch und was reizte Sie an diesem Thema, an diesem Protagonisten besonders?

 

Das Interessante am Profifußball ist, dass er einerseits medial sehr präsent ist, dass es aber andererseits, gerade aufgrund dieser überbordenden Berichterstattung, in der jede kleine Verfehlung von jungen Menschen zu einem Riesenskandal aufgebauscht wird, kaum noch authentische Aussagen der Fußballer selbst gibt, die über eingelernte PR-Floskeln hinausgehen. Was weiß man denn über das Innenleben eines David Alaba oder eines Aleksandar Dragović? Diese Diskrepanz hat mich fasziniert und ich sehe darin ein großes literarisches Potenzial, ganz nach dem Motto: Was sonst nicht zugänglich ist, kann durch Literatur fiktional erschlossen werden.

 

Wie ist der Titel Ihres Debüts „Nicht wie ihr“ zu verstehen?

 

Für mich hat der Titel eine doppelte Bedeutung. Er verweist natürlich erst einmal auf die große Differenz zwischen dem von der Realität entkoppelten Leben eines Fußballstars und denen von normalen Menschen, sowie auf die Entfremdungsgefühle meines Protagonisten gegenüber seiner Umgebung. Gleichzeitig sind aber viele der Themen im Roman welche, die prinzipiell jeden Menschen betreffen können: Familie, Liebe, der Umgang mit Fremdzuschreibungen und mit der eigenen (Migrations-)Geschichte, Untreue. Dadurch kann der Titel auch ironisch gelesen werden, denn Ivo ist schon auch „wie wir“, insofern die Fragen, die ihn beschäftigen, allgemeine, über den Fußball hinausgehende sind. Das war auch eine der Sachen, die mich beim Schreiben sehr gereizt haben: zu zeigen, dass diese scheinbar so weit von jeglicher Realität entfernten Fußballer ein Identifikationspotenzial für verschiedene Arten von Leser*innen anbieten und womöglich auch interessante Sichtweisen liefern können, die über ihre gesellschaftlich zugewiesenen Rollen hinausgehen.

 

Wenn man Ihren Roman liest, dann spürt man an manchen Stellen regelrecht die Wut des Protagonisten Ivo, seine Herablassung gegenüber anderen. Diese ständige Wut und Unzufriedenheit, die in Ivo steckt – woher kommt sie und gegen wen oder was ist sie gerichtet? 

 

Ich denke, dass Wut und Unzufriedenheit sogar dann, wenn es gute Gründe für sie gibt, immer in erster Linie mit einem selbst zu tun haben. Im Fall meines Protagonisten stehen sie meiner Meinung nach insbesondere in Zusammenhang mit seinem eigenen verkorksten Männlichkeitsbild und den daraus resultierenden Ansprüchen an sich selbst und an andere. Deshalb richtet sich Ivos Aggression auch größtenteils gegen andere Männer, zu denen er sich in Konkurrenz vermutet. Mich hat es interessiert, einen Protagonisten zu schreiben, der Elemente eines Antihelden in sich trägt, dem man also manchmal vielleicht in seinen Wertungen und Meinungen rechtzugeben verleitet ist, der gleichzeitig aber selbst sehr unsympathische Züge trägt und mit seinem Verhalten anderen schadet.

Dazu kommt natürlich die Rolle der Erzählperspektive, die in weiten Teilen etwa dem entspricht, was auf englisch recht knackig „free indirect discourse“ heißt, bei der es also keine klare Trennung zwischen Erzählinstanz und Protagonist gibt, ohne dass jedoch aus dem Ich heraus erzählt wird. Wir sehen dennoch alles nur aus Ivos Perspektive und hören nur seine Sichtweise, ohne alternative oder widersprechende Zwischentöne. Ob man dieser Darstellung der Ereignisse folgt oder sie hinterfragt, beziehungsweise darin auch Elemente eines unzuverlässigen Erzählens entdeckt, hängt wohl von den Einstellungen und Wertehaltungen der Leser*innen ab. Mein Ziel war es, ein vielschichtiges Bild eines Menschen zu zeigen, der sich sowohl kluge als auch dumme Gedanken macht und den man als Leser*in weder ausschließlich unsympathisch findet, noch affirmativ verklärt.

 

An einer Stelle in Ihrem Buch heißt es:Man muss den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten!“ Was bedeutet der Fußball dem Protagonisten Ivo? 

 

Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie hart das Leben von Profifußballern ist. Um diesen Lebensweg einzuschlagen, muss man sehr viel aufgeben, insbesondere in der Jugend, also in der Zeit, in der man gemeinhin den Ausbruch aus Normen und Zwängen erprobt. Im Grunde fügt man sich als Fußballer für die Dauer der aktiven Karriere (und oft auch darüber hinaus) in ein Leben, in dem man die Autorität über den eigenen Körper und die einem zur Verfügung stehende Zeit komplett an seinen Verein abgibt und als Wertanlage dieses Vereins sowie als Identifikationsobjekt des Landes, dessen Trikot man trägt, unter permanenter Beobachtung steht. Es ist also zu vermuten, dass das Verhältnis von Profifußballern zu ihrem Beruf ein wesentlich ambivalenteres ist, als es ihre Aussagen in Interviews meistens vermuten lassen.

 

Wenn Sie Ihren Protagonisten Ivo mit drei Worten beschreiben müssten, welche würden Sie wählen?

 

Nicht wie ihr.

 

 

 

 

Autorin im Interview: Irmgard Fuchs

Im Radio warnen die Experten. Treffen Sie bei so hohen Temperaturen keine großen Lebensentscheidungen.

Die Protagonistin Ihres Debütromans namens Doro Grimm empfindet eine starke Sehnsucht nach dem Besonderen, dem Außergewöhnlichen. Dabei sind ihre Wünsche letztendlich doch ziemlich realistisch: eine schöne, mondäne Wohnung in einer großen Stadt, eine Weltreise. Was hält sie davon ab, ihr Leben in diese Bahnen zu lenken?

 

Doro kommt aus einer Realität, in der erst einmal nichts für sie einfach gewesen ist, weil es für niemanden einfach war. Das Leben ihrer Großeltern war auf ein altes Haus am Waldrand beschränkt und auch ihre Mutter hat als Alleinerziehende jahrzehntelang in der Fabrik gearbeitet und hatte daneben keine großen Energien mehr für die Verwirklichung von Aufstiegs- oder Glücksfantasien. Im Vergleich zu den Leben ihrer Vorgängergenerationen ist Doros Existenz also sozusagen bereits in die besten Bahnen geraten: Sie hat Matura, eine sichere Anstellung, sie kann auf Urlaub fahren. Und im Gegensatz zu ihrer Mutter, die ein Leben lang daran gescheitert ist, hat sie es auch geschafft, eine „harmonische“ Beziehung einzugehen. Doro spürt darum auch die ganze Zeit sehr stark, dass sie eigentlich gar nicht anders darf, als zufrieden mit ihrem Leben zu sein.

 

Doro ist mit Elmar seit sechs Jahren in einer Beziehung. Sie lieben sich. Wieso klappt es mit den beiden dennoch nicht? 

 

Die Liebe an sich klappt ja, vom Gefühl her. Doro liebt Elmar und Elmar liebt auch Doro. Nur denkt Doro, dass Elmar in Wahrheit eben nicht sie liebt, sondern die Person, die sie vorgibt zu sein. Und eigentlich hat sie sich ja auch in Elmar gerade deshalb verliebt: Weil er jemanden in ihr gesehen hat, die sie immer schon gern sein wollte. Und Elmar, der ein extremes Gewohnheitstier ist, verkörpert für Doro auch einen Zugang zum Leben, den sie ja unbedingt auch haben möchte: Elmar ist nämlich grundsätzlich immer mit dem zufrieden, was er eben gerade haben kann. Denn er besitzt ein sehr klares Bewusstsein dafür, dass auch alles sehr viel schlimmer, viel weniger, viel schwieriger sein könnte. Etwas, das ihm die Zeitung ja auch jeden Morgen beim Frühstück mit Berichten über den maroden Zustand der Welt aufs Neue bestätigt.

 

Von ihrer neuen Wohnung aus beobachtet Doro unaufhörlich den Mann und die Frau von Gegenüber. Worin liegt ihr starkes Interesse an dem Paar?

 

Doro wagt etwas, von dem sie nicht wirklich gedacht hat, dass sie es tun könnte: Sie erfüllt sich den Traum, der ihr seit achtzehn Jahren im Kopf rumspukt, packt ihre Sachen und zieht Hals über Kopf in eine Zwischenmietwohnung in der Großstadt. Dort merkt sie aber schnell: Träume taugen nicht wirklich für den täglichen Gebrauch. Als eine extreme, wochenlang anhaltende Hitzewelle über die Stadt hereinbricht und Doro in eine Art Lähmungszustand versetzt, bleibt ihr fast nur noch der Blick nach drüben ins Fenster der anderen. Und das Paar, das dort wohnt, hat aus Doros Perspektive gesehen nicht nur alles richtig gemacht – von der großen Liebe, die ihr regelrecht über die Gasse hinweg entgegenspringt, bis hin zur exquisiten Zimmereinrichtung –, sondern diese Art von geglücktem Leben scheint absolut selbstverständlich für die beiden zu sein. Etwas, das Doro hofft, sich von ihnen abschauen zu können, wenn sie nur oft und genau genug hinschaut.

 

Ein wesentliches Merkmal der Sprache und Stilistik Ihres Buches ist die durchgängige Verwendung der Du-Form und des Präsens. Wieso haben Sie sich für diese Erzählhaltung und diese Erzählzeit entschieden?

 

Die Du-Form habe ich gewählt, weil Doro sich selbst verloren hat. Sie kann kein Ich mehr für sich verwenden, nicht mehr aus dem Inneren nach außen blicken, sondern sie schaut immerzu auf sich. Sie beobachtet sich selbst und fragt sich auch, was sie da eigentlich die ganze Zeit tut – was natürlich ein Symptom der Generation Y gesehen werden könnte, zu der Doro zählt, aber es ist vor allem auch eine Art von Sich-selbst-unterwegs-verloren-haben. Das Präsens zeigt für mich, dass bestimmte Erinnerungen und Erfahrungen, mögen sie auch noch so lange zurückliegen, im Grunde immer in einem drin sind. Sie sind präsent. Sie sind da. Wo man herkommt, aus welchem Milieu, aus welchen Umständen, sogar aus welcher geografischen Region – alles formt mit, was wir über uns denken, wie wir handeln, was wir wagen und vor allem: was wir nicht wagen.

 

In Ihrem Buch tauchen immer wieder Vögel auf, in unterschiedlichsten Formen und Facetten. Was bedeuten diese Tiere der Protagonistin?

 

Als Kind musste Doro viel Zeit bei ihren Großeltern verbringen, die nicht gerade kinderliebe oder herzliche Menschen waren. Den einzigen echten Freund, den Doro dort hatte, war der überfütterte, zerrupfte Wellensittich, dem sie so lange hoch und heilig schwor, dass sie ihn ganz bald aus dem Käfig und den widrigen Umständen retten würde, bis er eines Tages tot von der Stange fiel. Ein Versäumnis, das im Dorokind eine tiefe Schuld zurücklässt, und zugleich natürlich auch für Doro bis heute daran erinnert, dass sie aufpassen muss, die Gelegenheit, ihrem eigenen Gefängnis zu entkommen, nicht zu verpassen.In der Stadt werden die Vögel im Baum vor dem Fenster dann wie damals in der Kindheit aus Mangel an andren Optionen zu ihren Verbündeten. Und wieder verspürt Doro die Dringlichkeit, die Vögel zu retten, denn durch die Hitzewelle können sie nicht mehr richtig fliegen, nicht mehr singen, finden nichts zu fressen – und fallen schließlich sogar tot vom Himmel.

Deutscher Buchpreis 2019: „Nicht wie ihr“ von Tonio Schachinger ist nominiert

Die Longlist für den Deutschen Buchpreis steht fest. Wir freuen uns sehr über die Nominierung des Debütromans „Nicht wie ihr“ von Tonio Schachinger und gratulieren ganz herzlich!

Weitere Infos zum Preis und die nominierten Titel finden Sie hier: https://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert/

Der Longlistabend findet am 4. September 2019 um 18:30 Uhr in der Freien Akademie der Künste in Hamburg statt.

Erscheinungstermin: 26. August 2019

Autorin im Interview: Gertraud Klemm

Bei den Seepferdchen spritzt das Weibchen den Männchen
die Embryonen in die Bauchtasche. Ich kann mir kein stimmigeres Symbol für einen radikalen, feministischen Protest vorstellen.

Wie kam es zur Wahl des Seepferdchens als Zeichen für den Aktionismus Elviras? Und weshalb wurde für den Titel das lateinische Wort „Hippocampus“ gewählt?

Elvira ist eine Urgewalt. Es reicht ihr nicht, ein völlig unkonventionelles Leben zu führen, das ohne Rollenklischees auskommt: Sie will die Gesellschaft fundamental wachrütteln und macht auch vor den in Stein gehauenen Helden nicht halt.

Hippocampus war der Arbeitstitel, von Anfang an. Bei den Seepferdchen spritzt das Weibchen den Männchen die Embryonen in die Bauchtasche. Ich kann mir kein stimmigeres Symbol für einen radikalen, feministischen Protest vorstellen. Und dann gibt es noch den Gehirnteil Hippocampus, der dafür sorgt, dass Erinnerungen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis wandern. Im Zusammenhang mit der Erinnerungskultur, die im Roman eine große Rolle spielt, war der Titel doppelt passend. Last but not least: aus sprachmusikalischen Gründen.

 

Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Haben Sie den Plot und den Ausgang der Geschichte von Beginn an schon genau vor Augen oder wissen Sie das erst gegen Ende?

Meist schreibe ich zuerst um die Figuren und das Setting herum, dann nimmt der Plot im besten Fall Fahrt auf, oder das Projekt versandet. Ab dem ersten Drittel weiß ich grob, wohin es zieht und wie es ungefähr endet. Details entstehen erst im Schreibprozess. Die Recherche läuft parallel, da grabe ich, bis ich etwas finde.

 

Immer wieder überrascht Ihr Schreibstil mit bestimmten Wörtern oder Ausdrücken, die aus dem sonstigen Sprachrhythmus herausstechen und einen aufmerken lassen. Wie würden Sie Ihren eigenen Schreibstil beschreiben?

Musikalisch, hysterisch, ungeniert. Ich steigere mich und meine Figuren in ihre Situation und Sprache hinein, höre zu, was sie zu sagen haben, sehe zu, wie sie agieren und schreibe es auf. Dann folgen mehrere Reifungsstadien, und Denk- und Ordnungsprozesse. So ungefähr.

Heute haben Frauen, so sie nicht über frauenpolitische
Themen schreiben, ganz gute Karten. Aber sobald sie dem Patriarchat ans Bein
pinkeln, wird es schwierig.

Ein wichtiges, wenn nicht das Hauptthema Ihres Buches ist die Kritik an der Buchbranche und am Kulturbetrieb generell, an dem die verstorbene Helene Schulze zugrunde gegangen ist. Wie beurteilen Sie die Situation weiblicher Kulturschaffender im Kulturbetrieb heute?

In der Vergangenheit wurde Kunst von Frauen aus Prinzip nicht ernst genommen bzw. verhindert. Heute haben Frauen, so sie nicht über frauenpolitische Themen schreiben, ganz gute Karten. Aber sobald sie dem Patriarchat ans Bein pinkeln, wird es schwierig. Dass meine Bücher publiziert, gekauft und besprochen werden, werte ich dementsprechend als gutes Zeichen, dass wir wieder ein Stück weiter sind.

Ich denke aber, das Narrativ rund um den literarischen Geniekult wirft uns immer wieder zurück an den Start. Das Problem beginnt an den Schulen und Unis, geht über die Feuilletons, Preis-Jurys und literarischen Nebenschauplätze wie Film und Theater, und endet an der Verkaufstheke des Buchhandels, wo sich alles wieder in den Schwanz beißt. Darüber, dass hauptsächlich Männer über Bücher von Männern dozieren, schreiben und schwärmen, gibt es tonnenweise Statistiken. Frauen und ihre Biografien bleiben Nebenschauplätze; in der Literatur, in der Gesellschaft, in der Politik. Leider sind Frauen ein beachtlicher Teil des Problems. Vor allem, wenn sie an den entscheidenden Machthebeln sitzen und sich nicht an ihre tapferen Ahninnen erinnern, denen sie den Mut, sich mit dem Patriarchat anzulegen, schuldig bleiben. Würden Frauen genauso geschlechtertreu und solidarisch packeln, lesen und kaufen wie Männer, wäre der Literaturbetrieb für Frauen gemütlicher.

 

Helene Schulze, die in jungen Jahren zu großem Erfolg gelangte und sich später für ein eheliches Leben mit Kindern entschied, versucht es nach dem Scheitern ihrer Ehe wieder als Autorin. Wie würden Sie generell das Verhältnis von Mutter- und Autorinnenschaft beschreiben? Und welche Rolle spielte es in Helene Schulzes Lebenslauf?

Ausschließlich vom Schreiben zu leben ist den wenigsten möglich. Mit Kindern wird es nicht leichter. Nicht nur, weil sie mit ihren Bedürfnissen und Forderungen vom kreativen Prozess ablenken. Die Genies, die Kinder gehütet und nebenbei große Literatur oder Wissenschaft produziert haben, soll mir mal jemand zeigen. Der Beruf wirkt zwar familientauglich, ist dann aber alltagsorganisatorisch unberechenbar. Das Schreiben muss man/frau sich leisten können: emotional, finanziell, familiär. Mutterschaft ist einer von vielen Fluchtwegen aus dem Schreiben, bevor es zum Scheitern verkommt.

Helene Schulze schiebt die Familie vor; aber eigentlich weicht sie dem Erfolgsdruck und der Willkür der Kritik aus. Das ist legitim, aber trotzdem sehr schade.

 

Elvira und Adrian sind zwei Protagonisten, die in ihren Ansichten nicht unterschiedlicher sein könnten. Wieso entscheidet sich Elvira ausgerechnet für ihn als „Handlanger“ ihres Aktionismus?

Elvira ist egoistisch, knapp bei Kasse und hat gute Menschenkenntnis. Sie erkennt in Adrian einen billigen, willfährigen Assistenten. Adrian ist in seiner finanziellen Notlage leicht auszubeuten. Ich brauchte ihn in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihr, denn ohne das wäre er ihr niemals nahe genug gekommen, um in eine Art Beziehung zu treten; von Sex ganz zu schweigen. Nicht zuletzt: Adrian ist appetitlich, umgänglich und wohlerzogen. Diese Eigenschaften schätzen doch alle Frauen an Männern.

 

Herbstprogramm 2019

Unsere Neuerscheinungen zum Durchblättern!

  • „Quo vadis, Italia?“ oder: Radikale Rechtswende in Italien? Lorenz Gallmetzer berichtet in Von Mussolini zu Salvini über ein Jahr Regierung unter Matteo Salvinis „Lega“ und Beppe Grillos „Movimento 5 Stelle“.

 

  • Über die Liebe zwischen jüngeren Männern und älteren Frauen – mit vielen Beispielen berühmter Paare: Evelyn Steinthalers Happy End für Mrs Robinson begibt sich auf die Suche nach der Liebe mit großem Altersunterschied in Film, Popmusik und Literatur.

 

  • Margret Greiner folgt in „Ich will unsterblich werden!“ Friederike Beer-Monti und ihre Maler den Lebenslinien einer emanzipierten, selbstbewussten Frau auf ihrem Weg vom lebensfrohen Künstler-Groupie zur international angesehenen Galeristin.

 

  • Die Welt, in der wir leben, ist vieles – aber gerecht ist sie nicht. Ein Buch für alle, die sich fragen: Was kann ich als Einzelner schon ändern? Andreas Sator liefert mit Alles gut?! ein Plädoyer für Weltoffenheit, Empathie & Lust an der Debatte.

 

  • Ein schonungsloser, berührender Bericht einer achtsamen Krebsbewältigung: Als ich dem Tod in die Eier trat ist ein Mutmachbuch. Mit entwaffnender Ehrlichkeit beschreibt Alexander Greiner, was es heißt, eine lebensbedrohliche Krankheit anzunehmen.

 

  • Wien – Teheran – Damaskus – Kabul: In harten Schnitten erzählt Franz Paul Horn in Über die Grenzen die Geschichten dreier junger Männer auf ihrem Weg in die Freiheit nach wahren Begebenheiten – ein Sommer zwischen Übermut und Überlebenskampf.

 

  • Von Wien nach Brüssel: Eugen Freunds (nicht nur ernster) Rückblick Haben schon alle abgestimmt? auf seine Zeit im EU-Parlament gibt einen informativen Blick auf fünf Jahre EU-Außenpolitik – eine Rückschau in Anekdoten, Reden und Postings.

 

  • Die Zukunft der Technik ist auch weiblich: Die populärsten Lehrberufe für junge Frauen sind immer noch Bürokauffrau, Friseurin und Verkäuferin. Reinhard Engel portraitiert in Frauen können Technik erfolgreiche Frauen in Technikberufen.

 

  • Wieder aufzustehen, wenn einen die Last des Schicksals niedergedrückt hat, erfordert genauso Kraft wie jemand anderem wieder aufzuhelfen. Wie man diese Lebensaufgaben erkennen und bewältigen kann, zeigt Rotraud A. Perner in Aufrichten!

 

  • Er raubt uns Lebensfreude, senkt die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit und schadet unserer Gesundheit. stressbefreit. Wahrheiten für ein Leben im Flow von Su Busson klärt das größte Missverständnis unserer Zeit zum Thema Stress auf.

 

  • Sorgen, Ängste, Umweltbelastungen – sie begleiten uns heute auf Schritt und Tritt und beeinflussen unseren Körper. Kris Krenn zeigt in der 2. überarbeitete Auflage von Allergien – Spiegel der Seele in fünf Schritten einen Weg zu Selbsthilfe bei Allergien.

 

  • Klaus Oppitz gelingt mit Die Hinrichtung des Martin P. eine düstere Erzählung über ein brandaktuelles Thema: Hass im Netz. Dabei blickt er tief in die Psyche sowohl der Täter als auch der Opfer – und zeigt, wie schnell Worte in reale Gewalt umschlagen.

 

LITERATUR, DIE ABHEBT IM HERBST 2019:

 

  • Rebellisch, scharfzüngig und voll bissigem Witz: Am Beispiel der Literaturbranche zeigt Gertraud Klemm in ihrem Roman Hippocampus, wie es um die gleichberechtigte Wahrnehmung von Frauen tatsächlich steht; und dass es mehr Rebellion braucht, um wirklich etwas zu verändern.

 

  • Nicht wie ihr – ein Roman für Fußballfans und Fußballverweigerer gleichermaßen. Gespickt mit Wiener Milieusprache und herrlichen Fußballmetaphern gibt Antonio Schachinger Einblick in das Schauspiel des Profisports und entlarvt seine Spieler als Schachfiguren auf einem kapitalistischen Spielfeld.

 

  • Was, wenn der Alltag trotz Geborgenheit und Liebe nicht mehr zu ertragen ist? Irmgard Fuchs entwickelt in märchenhaften Passagen eine Geschichte über Lebensent-scheidungen. In den kommenden Nächten ist ein dichter Roman von beklemmender Schönheit.

 

  • 18 AutorInnen erzählen aus ihrer Kindheit – mit Texten und Fotos von Friederike Mayröcker, Robert Menasse, Sabine Gruber u.v.m. Die AutorInnenfotos stammen von Alain Barbero, die AutorInnenportraits von Barbara Rieger. Kinder der Poesie ist eine eindrucksvolle Reise durch das 20. Jahrhundert.

 

„Spurensuche“: Geförderte Lesungen mit Nadine Kegele

Im Rahmen der Aktion „Spurensuche“ fördert der Büchereiverband Österreich von Mai bis Dezember 2019 Veranstaltungen in Büchereien. Die ausgewählten Autorinnen und Autoren können in diesem Zeitraum von allen öffentlichen und kombinierten Bibliotheken österreichweit für geförderte Veranstaltungen gebucht werden. Gefördert werden Titel, die sich auf eine Spurensuche begeben, und sie literarisch verarbeiten bzw. als Sachbuch aufbereiten.

Mit dabei ist unsere Autorin Nadine Kegele mit „Und essen werden wir die Katze“. 
Weitere Informationen finden Sie hier!

 

Autorin im Interview: Eva Woska-Nimmervoll

Vielleicht ist mein ambivalentes Verhältnis zum Gemeindebau ein Grund dafür, warum Heinz und Herrl dort leben. Das Soziale und das Assoziale liegen nirgends so nah beieinander wie in diesen Bauten, kommt mir vor.

Wer ist der Protagonist Ihrer Geschichte, Heinz oder sein Herrl?

Protagonist ist das Herrl, aus dessen Perspektive ich die Geschichte erzähle. Allerdings ist Hund Heinz die wichtigste Nebenfigur.

 

Was hat Sie dazu veranlasst, ihren Roman im Gemeindebau anzusiedeln? Wäre auch ein anderer Schauplatz denkbar gewesen?

Ich habe einen lieben Freund, der im Gemeindebau wohnt und ich bin dort schon oft zu Besuch gewesen. Vielleicht ist mein ambivalentes Verhältnis zum Gemeindebau ein Grund dafür, warum Heinz und Herrl dort leben. Das Soziale und das Assoziale liegen nirgends so nah beieinander wie in diesen Bauten, kommt mir vor. Der Hof eines Gemeindebaus kann eine ziemliche Enge erzeugen – und dort leben ohnehin bereits Menschen mit eingeschränktem Bewegungsradius: Viele haben keine Jobs und nur wenig Geld, d.h., sie haben keinen Grund, kein Auto und keine Mittel, um sich viel raus zu bewegen. Manchen fehlt eine Perspektive. Damit lohnt sich für sie die – geistige oder körperliche – Bewegung schon nicht mehr. Ein anderer Schauplatz hätte nicht diese Unausweichlichkeit der Begegnungen mit sich gebracht. Meine Figuren sind durch die räumlichen Gegebenheiten zur Konfrontation förmlich gezwungen. So gesehen war für mich kein anderer Schauplatz denkbar.

Jedenfalls würde in meinem Buch ohne Hund Heinz gar nichts passieren.

Sie vermischen in „Heinz und sein Herrl“ verschiedene Genres, welches ist für Sie vordergründig?

Schwer zu sagen. Krimi vielleicht. Äh, eigentlich die Liebesgeschichte. Oder doch die Milieu-Studie? Nein, de facto ist es eindeutig ein Entwicklungsroman. 🙂

Welche Rolle spielt der Hund Heinz im sonst eher trostlosen Gemeindebau-Alltag seines Herrls und wofür steht er in Ihrem Buch?

Man könnte glauben, der trostlose Gemeindebau-Alltag hat auf Heinz abgefärbt. Aber Hunde sind nicht so drauf. Wenn ein Hund ein Herrl hat, das sich um ihn kümmert, genügt dem Hund das. Dem Heinz sind ja andere Leute meistens egal. In Hunden steckt allerdings viel Potenzial, von dem die Hunde selbst nichts ahnen: Durch ihr Wesen schaffen sie Verbindungen zwischen Menschen. Der Hund schnuppert ja beispielsweise arglos an allem und jedem. Das sehen schon viele Leute als Grenzüberschreitung an. Andere mögen das und reden gerne mal mit fremden Hunden – und nehmen durch das Tier indirekt Kontakt mit Besitzer oder Besitzerin auf. Heinz ist für das Herrl unbewusst sicher auch so eine potenzielle Kontaktstelle zu Mitmenschen. Er redet sich auch immer, sogar vor sich selbst, auf den Hund aus, wenn er glaubt, sein eigenes Verhalten oder seine Gefühle rechtfertigen zu müssen. Wie sollte er sonst beispielsweise auf die Idee kommen, dass dem Heinz die U-Bahn unsympathisch ist?

– Ah, ich bemerke gerade, dass mein Roman doch eher ein Psychogramm ist. Jedenfalls würde in meinem Buch ohne Hund Heinz gar nichts passieren.

Autorin im Interview: Andrea Stift-Laube

Wenn nichts funktioniert in der Welt eines Kindes, kann es sich trotzdem darauf verlassen, dass die Katze abends bei seinen Füßen liegt und schnurrt.

Wofür steht der Titel Ihres Romans „Schiff oder Schornstein“?

Schiff oder Schornstein stehen für Dinge im Leben, die man sich nicht zutraut. Im konkreten Fall das Klettern auf einen Schornstein, oder das Blockieren eines Walfängers, die Arbeit von UmweltaktivistInnen. Das traut sich die Protagonistin Ila nicht zu. Sie findet aber andere Wege, etwas zu tun.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Figuren einen Online-Versand für Katzenfleisch gründen zu lassen?

Die Idee kam von meinem Mann Stefan, als ich mitten im Text steckte und nicht wusste, wo die Figuren hinwollen. Wo ich mit dem ganzen Buch hinwill. Und da kam er mit diesem verrückten Katzenfleischding.

Was hat Sie dazu bewegt, das Thema Klimawandel in Ihrem Buch zu verarbeiten?

Das Hintanstellen der Bedürfnisse der Erde, das Unterordnen der Umwelt unter den Menschen, die menschliche Gier, die diesen Planeten kaputt macht und anderen Lebewesen den Boden unter den Füßen wegzieht, verstehe ich nicht, und ich werde nicht aufhören, meine Wut darüber zu artikulieren.

 

Was haben Tiere in Ihrer eigenen Sozialisation für eine Rolle gespielt?

Ich bin mit Tieren aufgewachsen. Wenn nichts funktioniert in der Welt eines Kindes, kann es sich trotzdem darauf verlassen, dass die Katze abends bei seinen Füßen liegt und schnurrt. Irgendwann hat sich meine Liebe zu den Haustieren dann zu einer allgemeinen Zuneigung zu allen Tieren gewandelt. „Schiff oder Schornstein“ ist ein fiktiver Roman. Das einzige Element, das aus meinem echten Leben stammt, ist die Katze Lucky. Und meine heißen Tränen, als sie zusammengeführt wurde.

Autor im Interview: Harald Jöllinger

Der Ton macht die Geschichte und die Geschichte macht den Ton. Es stimmt beides.

 

Die Figuren in „Marillen und Sauerkraut“ sind sehr eigenwillige Charaktere, die durchaus Gemeinsamkeiten aufweisen. Was ist das Verbindende zwischen ihnen?

Eigenwillig? Ich hätte eher stur gesagt. Aber gut, es stimmt, dass meine Protagonisten durchaus einen eigenen Willen haben. Was die Charaktere aber gemeinsam haben, ist, dass ihnen oft die Kraft fehlt, diesen Willen auch durchzusetzen. Und wenn sie ihren Willen durchsetzen, dann mit Mitteln jenseits der Legalität. Vergewaltigung, Mord, Watschen, Steinwürfe. Soweit ich weiß, ist das alles verboten. Oder anders gesagt, die Protagonisten meiner Geschichten sind nicht völlig lebensuntüchtig, aber allesamt patschert.

 

Bei der Lektüre Ihrer Erzählungen kommt man nicht umhin, an Helmut Qualtinger zu denken. Inwiefern hat er Sie beim Schreiben inspiriert?

Ja, der Qualtinger, wenn ich ganz kurz antworte: Er hat mich gar nicht inspiriert. Ich hab natürlich die CD daheim, die er mit André Heller aufgenommen hat und den Herrn Karl hab ich mir im Fernsehen angeschaut. Aber ich hab mir nie gedacht: So wie der war, will ich auch sein. Oder ich wollte nie so schreiben, dass der Qualtinger die Rolle spielen könnte. Ich bin nur oft nach Lesungen angesprochen worden, ich hätte eine Ähnlichkeit mit dem Helmut Qualtinger. Aber wahrscheinlich liegt es auch an der Optik. Ich bin halt auch wampert.

Wer nicht versteht, warum öffentliche Orte faszinierend sind, der soll hingehen. Und wer es dann noch immer nicht versteht, der muss daheimbleiben.

Viele Ihrer Geschichten finden im öffentlichen Raum statt. Was ist das Faszinierende an Orten wie einem Bahnhof, einem Flughafen oder einer Parkbank?

In dieser Frage liegt ja fast schon die Antwort. Wer einen Witz nicht versteht, wird auch nicht lachen, wenn man den Witz erklärt. Ich erzählte zwei Beispiele: Im Herbst sitz ich in Meidling im Park. Auf der Nebenbank zwei, drei Männer mit Schnapsflasche. Und sie unterhalten sich … über die Relativitätstheorie. Einstein im Meidlinger Park. Anderes Beispiel: Vor ein paar Tagen hol ich mir die ersten Belegexemplare aus dem Verlag. Nachher fahr ich die paar Stationen zum Westbahnhof, setz mich dort auf ein Bankerl und blätter in meinem Buch. Da ist ein Text drin über einen Sandler, der sich freut, weil es erstmals schneit im Winter und er dann von der Security nicht vom Bahnhof verjagt wird. Und wie ich in dem Buch blätter, seh ich, dass die Westbahnhofsecurity die eher vergammelten Leute mit der Bierdose, die um mich sitzen, nicht rauswirft. Und draußen der erste Schnee.  Wer nicht versteht, warum öffentliche Orte faszinierend sind, der soll hingehen. Und wer es dann noch immer nicht versteht, der muss daheimbleiben.

 

Ihr Schreibstil ist sehr unmittelbar, bisweilen hat man das Gefühl, Zeuge eines Wirtshausmonologs zu sein. Was ist zuerst da, die Geschichte oder der Ton?

Ja, was war zuerst da? Die Henne oder das Ei? Es gibt ja auch oft die Frage, wer bei Liedern zuerst da ist. Der Textdichter oder der Komponist. Schubert hat Goethegedichte vertont, da war das Gedicht zuerst. Ich selber hab eine Komposition vom Trio Lepschi neu vertextet, da war die Melodie zuerst. Dann gibt’s auch zwei Lieder von Georg Kreisler, der wohl mit dem Qualtinger verfreundfeindet war. „Das Triangel“ und „Das Grammophon“. Bei diesen Liedern greifen Text und Melodie ineinander, sind quasi allein nicht verständlich. Meine Großmutter hat immer gesagt: „Der Ton macht die Musik.“ Also in meinem Fall: Der Ton macht die Geschichte und die Geschichte macht den Ton. Es stimmt beides.