Preisverleihung: Petra Piuk erhält Wortmeldungen-Literaturpreis

Am 6. Mai fand die Preisverleihung des 1. Wortmeldungen-Literaturpreises der Crespo Foundation statt. Petra Piuk wurde für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman ‚Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman‘ ausgezeichnet, der die Mechanismen von Machtmissbrauch und Sexismus hinter der Fassade einer scheinbar heilen Welt seziert und den Heimatbegriff kritisch hinterfragt. Der Preis ist mit 35.000 Euro dotiert.

Mit am Podium saßen Insa Wilke, Feridun Zaimoglu, Jakob Augstein und Daniela Strigl. Sie diskutierten zum Thema „Nein heißt ja … Sprache.Macht.Gewalt.“ Die Laudatio hielt Daniela Strigl und wird ab 14. Mai auf unserer Homepage nachzulesen sein.

Copyright: Jessica Schäfer

Laudatio von Daniela Strigl

Laudatio auf
Petra Piuk
oder

Anleitung zur
Anleitung zum Heimatroman in fünf Schritten

Liebe Frau Piuk!
Verehrte Damen und Herren!

Wir haben soeben
eine gekürzte Version jenes Stückes Literatur gehört, das von
einer, von unserer Jury zur besten von 135 Einsendungen gekürt
wurde. Toni und Moni oder Anleitung zum Heimatroman. Ich
unterstelle Ihnen: Sie sind beeindruckt, vermutlich auch befremdet,
irritiert, zumindest ein bisschen durcheinander. Und Sie wüssten
gern, da es sich bei der Preissumme um einen mehr als stattlichen
Betrag handelt, wie man das macht, wie man so einen Text zustande
bringt. Ich behaupte nicht, dass das ein Kinderspiel ist, aber mit
ein wenig gutem Willen, etwas Übung und viel Glück ist es zu
schaffen – wenn Sie sich Petra Piuk zum Vorbild nehmen. Deshalb
also eine Anleitung zur Anleitung in fünf Schritten.

Schritt 1

Bemühen Sie sich
um einen passenden Geburtsort

Egal, ob Sie es auf
die Herstellung eines Heimatromans anlegen oder auf die eines
Heimatromans unter Anführungszeichen: ein Geburtsort wie Los Angeles
oder Saint Tropez ist dabei nicht hilfreich. Je weniger mondän, je
weniger glamourös desto besser. Man muss Ihnen ja eine gewisse
Expertise im Verwurzeltsein wie in der Stammtischredenexegese
abnehmen, eine gewisse Erfahrung in der Herausbildung eines
unverfälscht-schlichten Gemütes. Güssing im Burgenland ist da
schwer zu toppen, einerseits wegen seiner gesunden Distanz zur
nächsten Großstadt, der einzigen, über die das Land verfügt.
Andererseits weil es eben nicht in den Alpen liegt, sondern im
Flachland bzw. einer Gegend, die überall anders im Land als
Flachland gilt und wo man die Alpen nur vom Hörensagen kennt.
Güssing hält Distanz zu den Bergen, in denen Heimatromane
üblicherweise spielen, ein Güssinger Heimatroman hat schon allein
deshalb einen Hauch von Exotik. Und nicht zu vergessen: Güssing ist
ein Ort in Österreich. Natürlich käme für Sie auch ein Geburtsort
in der Schweiz oder, sagen wir, in Bayern in Frage. Aber Österreich
ist letztlich unschlagbar und ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.
Weil Sie als Österreicherin oder Österreicher ein Leben lang beides
sein können, Nestbeschmutzer und Renommierobjekt. Gerade erst hat
man Josef Winkler, Büchner-Preisträger aus Kärnten, zur Festrede
beim 500-Jahr-Jubiläum im Kärntner Landtag geladen und als er darin
– welche Überraschung – eine wilde Attacke gegen die FPÖ und
den verstorbenen Landeshauptmann Jörg Haider geritten hat, hat man
ihn angezeigt. Selbst die Vertreter der Obrigkeit haben in Österreich
einen Hang zum Masochismus.

Schritt 2

Trainieren Sie
Lauschangriff und Rasterfahndung


Warten Sie nicht darauf, bis Ihnen die Inspiration ins Haus flattert,
gehen Sie die Sache offensiv an, betreiben Sie Feldforschung, kreisen
Sie das Zielobjekt Ihres Interesses ein. Halten Sie die Ohren offen,
muten Sie ihnen die haarsträubendsten Meinungsbekundungen und das
Klebrigste deutschsprachiger Schlagertextproduktion zu, schreiben Sie
mit, verwenden Sie, was Ihnen zugetragen wird, gegen die Zuträger.
Die Menschen sagen tatsächlich, was sie sich denken. Der
literarische Lauschangriff ist nichts für schwache Nerven. Und die
Rasterfahndung bringt nicht bloß einzelne verdächtige Subjekte,
sondern Typen eines degenerierten Bauernkalenders zutage. Trauen Sie
sich in die Höhle des Löwen und an die Futterkrippe der
Platzhirsche: an den Stammtisch. Petra Piuk hat es so gehalten, hat
den Leuten aufs Maul und ins Hirn geschaut, wo die Welt säuberlich
in schwarz und weiß, in gut und böse aufgeteilt ist. Sie war nicht
nur Schauspielerin im Off-Theater, sie hat auch als Redakteurin
etlicher Doku-Soaps jahrelang der entstellt zu sich gekommenen
Wirklichkeit furchtlos ins Auge geblickt. Und sich dann die
Wirklichkeit des Schauspielerinnenberufs vorgeknöpft: Auch Lucy
fliegt
, der Debutroman, funktioniert nach dem Schnittmuster der
Kolportage, die immer wieder durch die Textgestalt hindurchscheint.

Lucy Schneider ist
die fleischgewordene Männerphantasie, ein Mädchen, das immer nett
zu allen war, das sich nun hochschlafen und dabei doch das Heft in
der Hand behalten will. Das Glück im Schlager und weibliche
Schlagkraft wollen aber nicht zusammenpassen. Wie Männer und Frauen
über und miteinander reden, wenn es um die Liebe geht, das
präsentiert Piuk als ihr ernüchterndes Ermittlungsergebnis.

Schritt 3

Überwinden Sie
Ihre Einflussangst

Suchen Sie sich die richtigen Vorbilder und bekennen Sie sich dazu.
Die Behauptung einer jungfräulichen Selbsterschaffung zeugt weder
von Selbstbewusstsein noch von literarischer Reife. In einem Essay
zum Thema Heimat erzählt Petra Piuk von der Beschwerde eines
Burgenländers, der sie fragte, warum sie denn als Debut keinen
„schönen Heimatroman“ geschrieben habe. – „Er
dachte möglicherweise an Berge, Blumenwiesen und eine Geschichte, in
der es um Liebe, Heirat und Familienglück geht. Ich dachte an Texte
von Thomas Bernhard, Herta Müller, Josef Winkler, Elfriede Jelinek,
Reinhard P. Gruber, Gert Jonke, Werner Kofler und Martin Sperr.“

Eine solche Ahnenreihe verpflichtet, sie stärkt
der Nachfahrin aber auch den Rücken. Wohl kaum wäre Toni
und Moni
entstanden ohne Elfriede
Jelineks Roman Die Liebhaberinnen
aus dem Jahr 1975, in dem der Heiratsmarkt im obersteirischen
Dorfidyll auf seinen ökonomischen Kern reduziert und die Perspektive
junger Frauen exakt umrissen wird: „warum ist brigitte nicht
überhaupt mit dem, was sie hat zufrieden, nämlich mit nichts?“

Die Frage der Zufriedenheit stellt sich für Moni gar nicht,
Vergewaltigung, Schwangerschaft, Heirat und am Ende die Entscheidung
für Schöngraben an der Rauscher, obwohl es für sie eine Stelle in
der Stadt gegeben hätte. „Wird halt dein zweites Buch ein
Heimatroman“, sagte jener unzufriedene Dorfbewohner zur Autorin.
„Ja, warum nicht, sagte ich.“ Über diesen Heimatroman wird er
sich ebenso wenig freuen, wie sich die Krimi-Liebhaber über Peter
Handkes einzigen Kriminalroman Der Hausierer gefreut haben,
der auch keiner ist, aber das Muster übererfüllt. So gesehen ist
Toni und Moni ein mustergültiger, aber kein richtiger
Heimatroman, auch kein „moderner“ Heimatroman, der die
Kärglichkeit des Rustikalen durch die Hintertür einer
existentiellen Beispielhaftigkeit in den zeitgenössischen
Tugendkatalog schmuggelt.

Schritt 4

Entwickeln Sie
Ihre ironische Basisausstattung

Halten Sie sich an
das uneigentliche Sprechen, wenn das eigentliche nicht auszuhalten
ist. Ironie wird immer wieder missdeutet als die wohlfeile Haltung
derer, die keine Haltung haben. In Wahrheit ist sie ein Mittel der
Notwehr gegen das Unerträgliche, „gegen die tägliche
Beleidigung“, um Marlene Streeruwitz zu zitieren. Die Ironie bietet
der Beleidigung nicht die Stirn, sie greift sie über die Flanke an.
Wenn Sie sich um den passenden Geburtsort bemüht haben, also
irgendwo in Österreich, tun Sie sich mit der Ironie schon einmal
leichter. Indessen: in die Wiege wird sie einem nicht gelegt.
Beschäftigung mit Literatur hilft. Wo man sich diese ersparen will,
zum Beispiel im Schulunterricht, kommt es zum clash of cultures. Bei
einer Lesung musste Petra Piuk verstörten Schülerinnen und Schülern
erklären, dass das nicht ernst gemeint ist, was da in ihrem
Buch gesagt wird. Also schon ernst gemeint, aber nicht
wortwörtlich. Sie hat die zum Gewaltexzess entartete
„Liebesgeschichte“ um den jungen Toni und die junge Moni geradezu
als ironisches Vexierspiel inszeniert, in das auch noch die
Verlagslektorin Tanja eingebunden ist, die in den Fußnoten den
entstehenden Heimatroman kommentiert und von „Petra“ das
vereinbarte glückliche Ende einmahnt: „Pass bitte auf, dass deine
Figuren das machen, was du von ihnen willst und nicht umgekehrt. Dass
sich die Figuren während des Schreibprozesses verselbständigen, ist
ein Mythos.“ Am Schluss soll die im Genre sattelfeste „Frau
Schriftstellerin“ für die unberechenbare Romanautorin einspringen,
aber wo ist die Metaebene, wo man jene angeblich finden kann? „Sehr
geehrter Herr Bürgermeister“, verrät Tanja, „zwischen den
Zeilen!“

Wie Lucy fliegt
kündet auch Toni und Moni von den negativen Folgen
penetrant positiven Denkens. Von Petra Piuk können Sie lernen, dass
witzig nicht dasselbe ist wie harmlos. Ihre Methode ist, was man in
Österreich „hinterfotzig“ nennt, von „Fotzn“, Mund: etwas,
was „hinter dem Mund“ geschieht, was also unausgesprochen und
insgeheim bleibt.

Schritt 5

Nehmen Sie den
groben Keil

Seien Sie nicht
zimperlich, haben Sie keine Scheu vor dem Plakativen. Sie mögen
vielleicht das Subtile bevorzugen, aber bedenken Sie: Klischee und
Stereotyp sind auch nicht subtil. Wenn Mode, Pop und Politik, gerade
in Österreich, zuletzt wieder ungeniert den flächendeckenden
Heimatfilm plakatieren, dann brauchen Sie ein Gegenplakat. Der grobe
Klotz verlangt den groben Keil. Heimatkitsch und -kult ist immer die
Antwort auf eine Krise, das war schon bei der Heimatkunstbewegung um
1900 so. Aber selbst ein konservativer Autor
wie Peter Rosegger hat in seinen Büchern von Gewalt, Betrug,
Geldgier, Selbstmord erzählt. Gute Literatur schaut nicht weg. Und
Literatur, die von Lüge und Brutalität erzählt, darf auch
drastisch sein.

Petra Piuk führt in
Toni und Moni ein furchtbar munteres Trittabschlagen vor –
ein Kinderspiel als Fangspiel der Gewalt. Am Ende steht ein
Schlachtfest. Die Gewalt ist strukturell, sie richtet sich gegen
Kinder, Frauen, Tiere, Fremde, und sie wird weitergegeben. Wer das
Sagen hat in dieser Gesellschaft, hat es deswegen. „Alle irdische
Gewalt beruht auf Gewalttätigkeit“, heißt es bei Marie von
Ebner-Eschenbach.

Greifen Sie also
furchtlos mit beiden Händen hinein ins Geschmacklose. Nehmen Sie
sich ein Beispiel an Petra Piuks Humor: Er ist von der Sorte, wie sie
unter dem Galgen gedeiht, handgreiflich, brachial, derb wie der
Umgang der Schöngrabener miteinander.

Toni und Moni ist
eine Persiflage der Gattung, an der man sein schauderndes Vergnügen
hat, weil man weiß: Das ist noch nicht erledigt, das ist noch da,
das spukt in den Köpfen, das liegt auf der Zunge und hinter dem
Mund. Eine Persiflage also? Oder eine Parodie, eine Karikatur, eine
Satire? Eine Satire gewiss, aber vielleicht ist dieser Text am
ehesten eine Farce, ein Stück fortgeschrittenes Volkstheater: Wie
die Einlage im Lustspiel schnell gefügt und grell überzeichnet, auf
die absurde Spitze und in ein wüstes Happyend getrieben. Dass man
für die Lektüre ihres Buches einen „guten Magen“ brauche, hat
man Petra Piuk bescheinigt, und sie hat das als Kriterium
zurückgewiesen: „Wenn ich meinem Magen etwas
Gutes tun möchte, lese ich keinen Heimatroman, wie ich ihn verstehe,
sondern trinke eine Tasse Kräutertee.“

„Farce“, die
Einlage, kommt ursprünglich aus der Sprache der Küche und meint
eine Füllung, meist aus fein gehacktem Fleisch. Das Kapitel 34.8 von
Toni und Moni mit der Überschrift „Aus dem großen Buch der
Fleischküche“ empfiehlt mit gutem Grund sorgsam geschärfte
Küchenmesser. Damit lässt sich auch ein Stück Fülle
herausschneiden, in dem alle Zutaten konzentriert enthalten sind.

Dass
Sie mit einer solchen Farce das tägliche Brot der Gewalt besser
verdaulich machen, kann ich Ihnen nicht versprechen. Aber Sie
gewinnen im besten Fall einen hoch dotierten Preis.

Liebe
Frau Piuk, ich gratuliere Ihnen ganz herzlich!